Ein Neujahrserlebnis aus eigener Feder...


 

Zwischenmenschliches statt Automatisches - Wertschätzung


 

Weihnachten und Jahreswechsel. Wir sind zu Besuch in Paris. Meine Frau ist Französin. Ihre Eltern leben in einem Vorort. Wie schon so oft nutzen wir unseren Aufenthalt, um das Zentrum zu besuchen. Mit dem RER möchten wir vom Vorort nach Paris fahren und dort durch die Straßen schlendern. Diese Stadt mit all dem Leben genießen.


 

Am Bahnhof kümmert sich meine Frau um die Fahrkarten. Als Muttersprachlerin und Kennerin des Fahrplansystems überlasse ich ihr das gerne. Wenn ich mich darum kümmern würde, kämen wir vermutlich nie dort an, wo wir hin möchten. Als Landei kapituliere ich vor Paris und seinem Verkehrssystem. Ganz abgesehen von meinen Französischkenntnissen.


 

Der Schalter in diesem Vorortbahnhof ist tatsächlich besetzt. Eine junge Frau sitzt hinter dem gut gesicherten Schalter. Und heute haben wir Glück. Es steht mal keine lange Warteschlange vor dem einzig geöffneten Schalter. Keine unruhigen, schimpfenden Menschen.


 

Die Technik ist auch präsent. Grüne Fahrkartenautomaten sollen die potentiellen Fahrgäste dazu einladen, sich die Fahrkarten aus einer großen Auswahl von Möglichkeiten „menügeführt“ auszusuchen. Meine Frau verliert an diesen Automaten fast die Nerven. Das Geklicke durch Möglichkeiten, die Vielfalt suggerieren, kostet Zeit. Und die Inhalte erschließen sich selbst einer Französin nicht auf den ersten Blick (wer sich da an die Deutsche Bahn AG erinnert fühlt). Die Ladezeiten der Masken dauern lang. Also sind wir froh, einen Menschen hinter dem Schalter als Ansprechpartner zu haben.


 

Meine Frau wendet sich freundlich an die Frau – und erhält freundlich entgegen kommend, schnell und richtig die gewünschten Auskünfte. Die beiden Frauen verstehen sich gut – das merke ich, obwohl ich nur schlecht Französisch spreche. Derweil spiele ich mit unserem Sohn in der großen Bahnhofshalle; er findet es wie immer schön, sich austoben zu können. Wir langweilen uns nicht. die beiden Frauen aber offensichtlich auch nicht. Sollte nicht bald der Zug kommen? Die Zeit drängt doch. Was passiert da?


 

Lächeln. Lachen. Gute Laune am Bahnhofsschalter. Meine Frau freute sich, dass sie eine kompetente und freundliche Ansprechpartnerin hatte und sagte das der jungen Frau hinter dem Schalter. Auch meinte meine Frau, dass es schön sei, dass die Automaten hier noch nicht jeden Menschen ersetzen und wie wichtig das „uns“ sei. Die „Schalterbeamtin“ tauschte sogar einTicket um, dass wir an einem der „freundlichen“ Automaten falsch gelöst hatten. Nun drängte die Zeit. Die beiden verabschiedeten sich, nachdem meine Frau noch erfahren hatte, dass die junge Frau heute Geburtstag hatte.


 

Wir stehen auf dem Bahnsteig. Der Zug fährt ein. Plötzlich kommt die junge Frau, dieses Mal amtlich mit offizieller SNCF Mütze auf dem Kopf, aus dem Gebäude. Sie läuft auf uns zu. Streckt die Hand aus. Bedankt sich herzlich bei meiner Frau. Uns bleibt noch kurz Zeit, ihr ein „Bon anniversaire“ zuzurufen, bevor wir im und mit dem Zug verschwinden.


 

Champs- Élysées zum Jahreswechsel

Ja. Wir freuen uns darüber, wenn wir am Bahnhofschalter noch Menschen finden oder an den Kassen oder...Und offensichtlich ist es auch für diese Menschen ein besonderes Erlebnis, wenn ihre Arbeit wahrgenommen und gewürdigt wird. Etwas, was wir uns auch wünschen. Jeder wünscht sich das, oder? Traurig und schön zugleich war dieses Erlebnis. Traurig, weil es so wenig davon gibt. Schön, weil es hin und wieder vorkommt. Ein besonderes Erlebnis, das meiner und der jungen Frau einen schönen Resttag bescherte – und meinem Sohn und mir, als unbeteiligte Zeugen dieses zwischenmenschlichen Erlebnisses, ganz nebenbei gesagt, auch. Gut gelaunt tauchten wir später in die schier unübersehbaren Menschenmassen auf dem Champs-Élysées ein. - Bonne année.